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Ein Wachturm auf halbem Weg zu den Sternen
Die Podomorfe des Berges Tindaya: Spuren ins Jenseits
Der Berg Tindaya wurde herkömmlich mit esotherischem Kult und Riten im Zusammenhang mit Hexerei in Verbindung gebracht. Die Erinnerung an die Majoreros (Einwohner von Fuerteventura) hat alte Geschichten von Riten und Glauben bewahrt, die uns direkt in lange vergangene Zeiten bringen. Die Spuren in dem reiligen STein erzählen von einer Vergangenheit, in der ein stolzes Volk eine unwirtliche Insel bewohnte.

Der Berg Tindaya ist eine kleine Nadel, di e kaum 500 m über dem Meeresspiegel erreicht. Ein ockerfarbener Berg mit kahlen Hängen, der eines der beunruhigendsten archäologischen Funde der Insel Fuerteventura birgt. Denn die Majoreros haben immer nach oben geschaut, wenn sie mit den übernatürlichen Kräften sprechen wollten, die ihre Welt lenkten. José Carlos Cabrera versichert in seinem Buch "Fuerteventura und die Majoreros", dass für die alten Siedler die Berge "einen Heiligenschein besassen und als heilige Stätten dienten, in denen die alten Majoreros ihre Riten feierten und ihre Götter durch Gaben und Opfer anriefen."

Tindaya bewahrt noch diesen übernatürlichen Zauber, der bis zu unseren Tagen durch Hexensabatte und Hexenriten überliefert ist. Aber die Beziehung des Bergs mit dem Übersinnlichen ist viel älter. Verstreut über seine Hänge und den Gipfel findet man bis zu 213 Abbildungen in Form von menschlichen Füssen, die das Interesse der Forscher geweckt haben. Diese Abbildungen sind auf 57 Steinplatten und 29 lose Steinblöcke verteilt, die von unbekannten Stellen heruntergefallen sind. Die Podomorfe (in Anlehnung an die Form eines menschlichen Fusses) befinden sich vorzugsweise auf kleinen Überhängen und dem Berggipfel. Ihre Form ist einfach: die meisten haben eine rechteckige oder ovale Form mit kleinen Einschnitten, die an Zehen erinnern. Andere wenige weisen einen noch höheren Abstraktionsgrad auf und sind nur kleine Rechtecke, Ovale oder Trapeze, die normalerweise etwa 20 cm lang sind. Alle Abbildungen sind mit spitzen Steinen in die Oberfläche des Felsens gehauen worden und sind zwischen 0,5 und 1,5 Zentimeter tief.

Aber wozu sie dienten, darüber ist man sich schon nicht mehr einig. Für Cabrera stehen diese Spuren im Stein in direkter Verbindung mit dem Ahnenkult. Diese Füsse sind in Worten des kanarischen Archäologen "der Abdruck, den die Vorfahren hinterlassen". So sei Tindaya also das Zentrum des Totenkults der Inselkosmogonie, ein Ort der Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten.

Andere Forscher teilen diese Meinung nicht. Nach einer kürzlich durchgeführten Studie von Juan Antonio Belmonte vom angesehenen Astrophysischen Institut der Kanaren (IAC) versichert, dass die Podomorfe der Majoreros eine viel praktischere Funktion haben, die aber auch mit dem Jenseits zu tun hat und der Kontrolle über die Umwelt. Die Studie von Belmonte besagt, dass die grosse Mehrheit der Podomorfe des Berges Tindaya gen Westen und Südwesten ausgerichtet sind, also in die Richtung, in der die Sonne während der Wintersonnenwende untergeht. Diese Position stimmt mit den Orten überein, von denen aus man an klaren Tagen die Insel Gran Canaria und den Teide auf Teneriffa sehen kann. Belmonte hebt auch hervor, dass im Südwesten im Winter der Blick auf Venus vorwiegt, ein Stern, der traditionsgemäss mit dem Regen in Verbindung gebracht wird. So könnte Tindaya ein privilegierter Wachturm sein, um den Weg der Sterne zu beobachten und den Regen voraussagen zu können, ein lebenswichtiger Schatz auf einer Insel wie Fuerteventura.

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